♡ Kann man Geduld üben?

Zusammenfassung: In diesem Text erfährst du, welche Vorteile es hat, wenn Kinder auch mal warten können und wie genau du Geduld mit deinen Kindern trainieren kannst.



Welchen Sinn hat es, warten zu können?

Eine bekannte Langzeitstudie aus den 1960er Jahren* zeigt den Zusammenhang zwischen dem Warten-Können und dem allgemeinen Lebenserfolg. Kinder bekamen die Wahl: "Du kannst diesen Marshmallow sofort essen, oder du wartest und bekommst noch einen zweiten, wenn ich zurück bin." Sie wurden daraufhin einige Minuten mit dem Bonbon allein im Raum gelassen. Kinder, die warten konnten, bis der Übungsleiter zurückkehrte, ohne sich über die Süßigkeiten herzumachen, waren als junge Erwachsene zielstrebiger und erfolgreicher. Sie konnten besser mit Rückschlägen umgehen, wurden als sozial kompetenter beurteilt und waren seltener drogenabhängig als ihre ungeduldigen, wenn auch nicht weniger intelligenten Altersgenossen. Warten ist also eine Fähigkeit, die zu trainieren sich durchaus lohnt.

Wie trainiere ich "Geduld"?


Aber meinem Kind zum Beispiel beim Einkaufen einen Apfel zu verweigern, "weil ich gesagt habe, den gibt`s erst zu Hause", hilft ihm nicht, geduldiger zu werden. Es kann den Apfel ruhig essen. Warten üben geht viel einfacher:

1. Mit kleinen Zeitabständen anfangen, z.B. nur ein paar Sekunden
2. Zusammenhang zwischen "Warte bitte" und "Du hast gewartet!" deutlich betonen
3. Zeitabstände langsam steigern

Mit dem Üben kann man schon ab etwa einem Jahr beginnen. Aber auch zu jedem späteren Zeitpunkt lohnt es sich, damit anzufangen. Wichtig ist, in jedem Fall mit kurzen, individuell "machbaren" Zeitabständen zu starten. Es soll ein positives Erlebnis sein und auch gut möglich, die Zeit zufrieden abzuwarten. Dafür kann ich entweder Situationen nutzen, die einfach in meinem Alltag auftauchen, oder sie künstlich schaffen, indem mir zufällig "etwas dazwischen kommt". Das lasse ich mir dann allerdings lieber nicht anmerken, denn Warten "aus Prinzip" funktioniert nicht.

In jeder Familie gibt es Gelegenheiten, in denen mein Kind warten muss, z.B. beim Essen, beim Einkaufen, wenn man sich um ein Geschwisterkind kümmert, etwas lesen möchte,... Um diese Situationen zum Üben zu nutzen, muss ich nur das Warten explizit benennen. Ich meine damit nicht "Jetzt mecker mal nicht rum, du musst auch mal etwas warten können", oder "Ich kann grad nicht, jetzt wart doch mal!", sondern ein gezielte und freundliches "Warte bitte kurz! Ich mache gerade den Brei fertig, dann kannst du ihn essen." Und wenn der Brei fertig ist: "Hey, du hast gewartet! Mmm, jetzt kannst du den Brei essen!" Indem ich das bei allen möglichen Gelegenheiten so klar benenne und die Zeitabstände zusätzlich langsam steigere, wird das Warten ganz stressfrei und nebenher "trainiert". Es funktioniert, einfach indem das Warten immer wieder mit dem positiven Gefühl verknüpft wird, am Ende das Gewünschte zu bekommen. Auch wenn mein Kind mal die Zeit nicht abwarten kann, ohne zu meckern oder zu weinen, ist das nicht schlimm. An manchen Tagen fällt es eben leichter, an anderen schwerer. Es ist durchaus sinnvoll, die guten Tage zum Üben zu bevorzugen. Aber auch an den schlechten Tagen kann man den Zusammenhang zwischen "Warte bitte" und "Du hast gewartet" betonen – in Situationen, in denen mein Kind aus unserem täglichen Ablauf heraus so oder so warten muss. Denn wenn erst das Wort "Warten" mit "Bekommen, was ich will", fest verknüpft ist, wird es zu einem beruhigenden Zauberwort, das Quengelsituationen jeder Art entschärft.

*vgl. z.B. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik: http://lexikon.stangl.eu/3697/marshmallow-test/



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Bilder: Alisa Diering-Drallé/pixabay.com/de