♡ Erziehung ohne Strafe 3

Zusammenfassung: Um den Zusammenhang zu verstehen, lies bitte zuerst "Erziehung ohne Strafe - Teil 2"! In Teil 2 ging es darum, was im Gehirn passiert, wenn Kinder ausrasten. Es wurde deutlich, dass in diesen Momenten das „obere Gehirn“ dringend Hilfe gebrauchen kann, um die Kontrolle wieder zu erlangen. In diesem Teil geht es darum, wie diese Hilfe aussehen kann.

Liebevolle Autorität

Was also tun, wenn der kleine Sonnenschein mit der Schippe auf Torbens Kopf zielt? Ich habe zwar verstanden, dass er das nicht aus böser Absicht macht, aber das hilft mir ja noch nicht dabei, ihn 1. davon abzuhalten, seine Umwelt zu vandalisieren, 2. sein unteres Gehirn zu beruhigen und ihm 3. beizubringen, wie er sich in Zukunft besser verhalten kann.

1. Andere vor den „Ausrastern“ schützen

Es geht zuerst einmal darum, seine Umwelt vor diesen Ausrastern zu schützen. Wenn mein Kind mit leerem Blick an mir vorbei schaut und auf meine Worte nicht reagiert, greife ich entschlossen, aber gelassen körperlich ein. In etwa so, wie der Held im Film, der seinen Freund davon abhält, dem Mann ins Gesicht zu springen, von dem er gerade erfahren hat, dass der mit seiner Frau geschlafen hat. Beruhigend, freundschaftlich, aber mit der unmissverständlichen Botschaft „Stop!“. Ich versuche dabei so sanft wie möglich und nur so fest wie nötig zuzugreifen, so dass meine Berührung eine klare Barriere ist, aber die Botschaft „Halt und Sicherheit“ vermittelt, keinesfalls „Gefahr oder Bedrohung“. Es geht darum, dem unteren Gehirn das Signal zu geben „Du bist in Sicherheit! Beruhige dich! Ich bin auf deiner Seite!“. Hierfür kann es je nach Situation hilfreich sein, mich direkt zum Kind herunter zu knien. Denn jede Bewegung oberhalb des Kopfes kann in diesen Momenten vom Gehirn als Gefahr interpretiert werden (wie bei der Maus, die einen Greifvogel über sich vermutet). Ein offener Blick und freundliches Lächeln wirken hingegen beschwichtigend. Diese Reaktionen des Gehirns auf Droh- und Beschwichtigungsgesten funktionieren beim Menschen tatsächlich noch genau wie beim Affen oder anderen Säugetieren, da das untere Gehirn (evolutionär gesehen) sehr alt ist. Es lohnt sich, diese Körpersprache regelrecht zu üben. Mein bester Sparringspartner ist dabei mein Kind: sein Verhalten gibt mir eine unmittelbare Rückmeldung, wie ich wirke. Zu bedrohlich, zu lasch?

2. Das untere Gehirn beruhigen und das obere Gehirn wieder „online“ bringen

Vielleicht gehen wir etwas beiseite an einen ruhigen Ort, um erstmal etwas durchzuatmen. Ich muss zunächst das untere Gehirn so weit beruhigen, dass mein Kind wieder aufnahmebereit ist. Dafür versetze ich mich in seine Lage. Denke nach, wie sein Tag bisher verlaufen ist, in welcher Situation es sich allgemein befindet (hat es zum Beispiel gerade ein neues Geschwisterkind bekommen oder ist durch eine neue Situation wie einen Umzug, Kita- oder Schulwechsel, neue Situation in der Familie, usw. gestresst?). Schaue ihm in die Augen und versuche zu verstehen, was es gerade brauchen könnte. Vielleicht braucht mein Kind etwas zu essen, zu trinken, eine Pause, Bewegung, etwas Zeit für sich allein oder im Gegenteil, meine ungeteilte Aufmerksamkeit? Das kann ich nur individuell in der Situation herausfinden: „Ich glaube, das ist grad alles etwas zu viel für dich. Wir setzen uns jetzt erstmal dort hinten hin, bis es dir wieder besser geht. Atme mal bitte tief durch. Schau mal, so wie ich.“ Oder „Ohje, du bist gerade ganz schön empfindlich. Ich glaube, du hast Hunger! Komm wir essen erstmal was.“ Oder „Einkaufen ist gerade etwas viel verlangt, stimmt’s? Komm, wir rennen zusammen erstmal eine Runde um den Block.“ Mein ehrlich fragender Blick signalisiert meinem Kind, dass ich auf seiner Seite bin. Dass ich es nicht verurteile, sondern ihm helfen will. Zusammen suchen wir nach dem Bedürfnis, das im Moment nicht erfüllt ist, und versuchen dafür eine Lösung zu finden. Auch wenn es gerade keine Lösung gibt oder aus welchen Gründen auch immer, keine geben kann, hilft mein ehrliches Mitgefühl, das untere Gehirn wieder soweit zu beruhigen, dass mein Kind wieder aufnahmefähig ist. Ich nehme mir dafür so viel Zeit, wie wir eben brauchen. Manchmal geht es ganz schnell, manchmal braucht mein Kind noch ein wenig Zeit. Aber es „funktioniert“ immer. Vorausgesetzt, mein Interesse ist wirklich aufrichtig.

3. Meine Botschaft vermitteln

Dass das obere Gehirn wieder „online“ ist und mein Kind wieder ansprechbar, erkenne ich an eindeutigen Signalen wie (freiwilligem!) Blickkontakt, Lächeln und Nicken.

Jetzt erst folgt Teil 3, das Lehren. Denn Lehren, vor allem die Art von Lehren, die wirklich Eindruck macht, funktioniert nur, wenn ich in Verbindung bin. Und diese Verbindung erfordert einen sehr direkten Kontakt. Deshalb funktioniert es so oft nicht, wenn ich im Vorbeigehen oder vom anderen Ende des Raumes hinter meinem Kind her rufe „Du sollst nicht hauen!“ oder „Lass das sofort sein!“.

Habe ich die Verbindung also wieder hergestellt, kann ich jetzt mit meinem Kind in Ruhe über das problematische Verhalten sprechen und wir können versuchen, gemeinsam eine Lösung zu finden:

- „Du hast die Lea geschubst und sie hat geweint, hast du das gemerkt?“

- Hein nickt.
- „Hast du dich geärgert?“
- „Nee, ich finde das lustig!“
- „Achso, du findest das lustig? Ok, hm das verstehe ich. Aber weißt du, ich glaube Lea fand das nicht so lustig. Und ich mag das auch nicht, wenn du andere Kinder schubst. Meinst du, ihr könnt zusammen spielen, ohne euch weh zu tun?“
- Hein zögert, nickt daraufhin.
- „Ja? Super, dann versuch es gleich mal.“

4. Funktioniert das auch bei größeren Kindern?

Ich habe selbst 2 Kleinkinder und meine Beispiele beziehen sich daher auf meine Erfahrungswelt mit meinen kleinen Kindern. Die Techniken, die ich vorstelle, basieren allerdings auf allgemeingültigen Prinzipien. Nicht nur Kleinkinder, auch Teenager und selbst Erwachsene „rasten aus“. Natürlich muss ich meine Strategie je nach Alter ein wenig anpassen. Ich stelle mir dazu einfach vor, wie ich selbst behandelt werden möchte, wenn es mir schlecht geht und ich mich deshalb schlecht benehme. Ob der Grund nun Müdigkeit, Hunger oder Überforderung ist. Ehrliches Interesse und Verständnis für den anderen, entschärfen kritische Situationen aller Art.


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Zum Weiterlesen:
Gehirnfutter für Eltern: Das Gehirn versteht kein Nein
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Gehirnfutter für Eltern: Erziehung ohne Strafe - Teil 1
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Daniel J. Siegel: "Disziplin ohne Drama"
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